Stadt als umkämpfter Ort

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Hier sollen die Ergebnisse der ExpertInnensitzung "Stadt als umkämpfter Ort" mit ReferentInnen der Planbude, Renée Tribble und Lisa Marie Zander, festgehalten werden. Renée Tribble ist freiberufliche Stadtplanerin und Dozentin. Sie ist seit Beginn in der Planbude tätig und übernimmt innerhalb dieser die Verwaltung und den Kreativbereich. Lisa Marie Zander studiert Architektur an der HafenCity Universität im Bachelor.

Gegründet wurde die PlanBude 2014 in der Hochphase des Konfliktes von Aktivist*innen mit verschiedensten beruflichen und soziokulturellen Hintergründen, die jedoch eines einte: der Wunsch aktiv an der Neugestaltung des Areals der Esso-Häuser mitzuwirken und dabei möglichst viel Mitspracherecht für die im Stadtteil lebenden Menschen zu erwirken um eine Lösung zu finden, mit der sowohl die Bayrische Hausbau als auch die Bewohner*innen des Stadtteils St. Pauli zufrieden sind.

Protokoll des Vortrags am 23.06.2016

Historisches zum Konflikt um die Esso-Häuser

Nachdem das Objekt lange Zeit im Privatbesitz war wird es 2009 an die Bayerische Hausbau GmbH & Co. KG. verkauft. Diese plant zunächst für 2014 einen Abriss und eine Neubebauung des Areals, wodurch neben den zahlreichen Wohnungen und Gastronomien auch die berühmte Esso Tankstelle verschwinden würde. Die Bayrische Hausbau möchte einen 5000qm großen Neubau errichten, in dem Gewerbeflächen, Miet- und Sozialbau aber auch Eigentumswohnungen entstehen sollen. Begründet wird dieser Plan durch ein Gutachten, dass bestätigte, dass das Haus und die darunter liegende Tiefgarage einsturzgefährdet seien. Dieser Plan trifft schnell auf Proteste. 2010 gründet sich die "Initiative Esso-Häuser", die für den Erhalt und die Restauration der Esso-Häuser kämpft und mit einem neuen Gutachten aufzeigt, dass das Gebäude nicht einsturzgefährdet ist, sondern für weniger Geld erneuert werden könnte. Im Dezember 2013 werden die Esso-Häuser zwangsevakuiert und können nicht wieder bezogen werden. Im Januar 2014 werden die Bauten ausgeräumt, im Februar begann der Abriss.

Begleitet ist der Konflikt um die Esso-Häuser von zahlreichen Protesten, Demonstrationen und künstlerischen Interventionen.

Die Arbeit der PlanBude

Im Juli 2014 wurde die Planbude mit der Aufgabe, aktiv am Planungsprozess teilzunehmen, beauftragt. Drei Monate später – im September – wurde sie offiziell am Standort der ehemaligen Esso-Häuser eröffnet und begann mit der Arbeit im Stadtteil. Das Team der PlanBude war täglich vor Ort, um als Ansprechpartner*in für ehemalige Mieter*innen der Esso-Häuser, Bewohner*innen des Stadtteils oder am Konflikt interessierte Personen verfügbar zu sein. Ein wichtiges Thema der Planbude ist auch die Vernetzung und damit analoges, vernetzes Arbeiten. Jeder Einzelne des Teams speist das Netzwerk auch mit eigenen Erfahrungen. Ein weiterer Prozess war auch die Vernetzung der Mieter*innen der Esso-Häuser. Um Kontakt zu den Bewohner*innen des Stadtteils aufzunehmen, wurden verschiedene Methoden angewandt: Workshops, themenspezifische Stadtteilführungen, persönliche Befragungen an der Haustür, Gestaltungsmöglichkeiten von Ideen und Konzepten in der Planbude und Vorträge. Ziel dieser Ideensammlung, bei der über 2000 Beiträge zusammengetragen wurden, war es, den von der Planbude generierten Begriff des „St. Pauli Code“ zu entschlüsseln. Schließlich konnten aus allen Beiträgen sieben Thesen herausgearbeitet werden, die für die Wünsche der Bewohner*innen des Stadtteils stehen, und am 18. Mai 2015 der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Bezahlbarer Wohnraum, Kleinheiligkeit und der Erhalt von Subkultur am Standort, sowie architektonische Vielfalt und den Vorrang für eigentümergeführtes Gewerbe sind Ergebnisse der Auswertung des „St. Pauli Codes“. Nach weiteren Verhandlungen mit dem Bezirk Mitte und dem Eigentümer der Bayerischen Hausbau konnten im Mai die gemeinsam zusammengetragenen Voraussetzungen für den architektonischen Wettbewerb präsentiert werden.

Diskussion

Fragen

1. Ist die Arbeitsweise der Planbude auf andere Projekte übertragbar?

Das Konzept des partizipativen, frühzeitigen Arbeitens kann und sollte auf andere Projekte übertragbar sein. Wichtig für die Durchführung des Projektes "PlanBude" war jedoch auch der offizielle Auftrag der Stadt, der ermöglichte intensiv, umfassend und über einen langen Zeitraum an der Erstellung des St. Pauli-Codes zu arbeiten.

2. Welche Bedeutung hat vernetztes Arbeiten für die Planbude? Und ist die Planbude selbst ein Netzwerk oder eher eine Schnittstelle (z.B. zwischen anderen Netzwerken)?

Viele Mitglieder*innen sind auch in anderen Stadtteilinitiativen aktiv, wie dem Park Fiction, der Initiative Esso Häuser, St. Pauli Selbermachen oder aber sie sind angestellt bei der GWA St. Pauli. Demnach sind sie stark im Stadtteil verortet und wirken als Ansprechpartner*innen für An- und Bewohner*innen glaubhaft und vertrauenswürdig und bringen verschiedenste Expertisen in das Projekt mit ein. Die Vernetzung im Stadtteil spielte demnach eine große Rolle.

3. Hatten die "Klobürstenproteste" gegen die Einrichtung eines Gefahrengebiets Anfang 2014 Einfluss auf die Arbeit der Planbude, bzw. auf den Prozess, der zu ihrer Eröffnung führte?

Infolge und nach diesen Prozessen hat sich die Planbude geöffnet und die AG Planung wurde aktiv.

4. Habt Ihr den St.Pauli-Code geknackt? Wenn ja, wie geht der?

St. Pauli-Code - die Essenz - ist die Zusammenfassung der übergeordneten Themen, die während des gesamten Prozesses immer wieder auftraten.

5. Habt ihr jetzt ein eigenes, ganz spezielles Bild von St.Pauli als Stadtteil durch die Arbeit in der Planbude? Und war dieses vielleicht vorher anders?

Für Renée hat sich ihr Bild von St.Pauli über die Jahre hinweg sehr verändert. Beeinflusst wurde dieses durch die Arbeit in der Planbude und durch die Arbeit im Team. Für Lisa ist dieses gleichgeblieben.

6. Welche Rolle spielt St.Pauli für die Arbeit der Planbude? Wäre Vergleichbares auch in anderen Stadtteilen umsetzbar?

St. Pauli ist ein besonderer Stadtteil, auf den die Planbude sich spezialisiert hat. Ein solches Projekt wäre aber an sich auch in anderen Stadtteilen möglich!

7. Welche Bedeutung hat interdisziplinäres Arbeiten für die Planbude?

Dieses hat eine große Bedeutung. Regelmäßig wird dieses Arbeiten mit "taktischen Möbeln" oder Knete, wie auch Modellbau praktiziert.

8. Welche Wunschenergie steckte für das Team der PlanBude in der Planung und Durchführung eines partizipativen Planungsprojektes? Welche Bedeutung wird dieser Wunschenergie hinsichtlich des Erfolges der PlanBude zugeschrieben?

Alle Mitglieder der PlanBude haben verschiedene Wunschenergien. So kann eine Wunschenergie der "Schutz" der Bewohner*innen des Stadtteils sein, oder aber auch das Projekt als solches, dass von Beginn an partizipativ arbeitete und anders als viele andere Planungsprojekte funktioniert.

9. Was passiert nach dem Bau der neuen Esso-Häuser mit der GBR Planbude? Seht ihr das ganze als einmalige Projektarbeit, die dann beendet ist? Wünscht ihr euch danach ein neues Projekt? Gibt es schon Aussichten?

tbc.