Recht auf Stadt

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Die Forderung Recht auf Stadt wird erstmals von Henri Lefebvre im Jahr 1968 formuliert. Er veröffentlicht das gleichnamige Buch (im französischen Original: La droit à la ville). Viele Initiativen, Netzwerke und kritische Stadtforscher beziehen sich heute auf diese Schrift und benutzen den Slogan Recht auf Stadt für ihre Anliegen und Forschungen zum Thema. Mit dem Recht auf Stadt wird die neoliberale Stadt kritisiert und für ein städtisches Leben in verwandelter, erneuerter Form plädiert.


Henri Lefebvre und Das Recht auf Stadt (1968)

Henri Lefebvre (1901-1991) war ein französischer marxistischer Soziologe und Philosoph, der unter anderem viel zu Raum, Stadt bzw. Urbanität und Kapitalismus verfasst hat. Kritische Stadtforscher beziehen sich auch heute, bzw. sogar heutzutage wieder vermehrt, auf das Konzept, dass Lefebvre zur Zeit der Pariser Studierendenproteste 1968, an denen er teilnimmt, veröffentlicht. Er sieht und analysiert die sozialen Probleme in den Hochhaus-Vorstädten, im Massenwohnungsbau und in anderen Folgen des rasanten Städtewachstums. Der Urbanisierungsprozess, so stellt er fest, geht Hand in Hand mit dem Verlust der Stadt als Ort kreativer Schöpfung, zugunsten einer industriellen Verwertungslogik (Vgl. Lefebvre 2016: 2). Er kritisiert kapitalistische Prozesse; plädiert für den Gebrauchs- und gegen den Tauschwert (Vgl. Lefebvre 2016: 149). Das Recht auf Stadt ist für ihn ein erneuertes urbanes Leben, für welche es in der Stadt enormes Potenzial gibt. Ziel ist eine emanzipierte urbane Gesellschaft (Vgl. Lefebvre 2016: 2). "Das Recht auf Stadt ist ein gesamtgesellschaftliches Anrecht auf Begegnung, Teilhabe, Austausch, das große Fest und einen kollektiv gestalteten und genutzten städtischen Raum." (Lefebvre 2016: 2)

Schlüsselstellen aus der Schrift

Die im Folgenden aufgeführten Textstellen sollen die Quintessenz Lefebvres' Das Recht auf Stadt wiederspiegeln und gleichzeitig Einblick in seine Schreibweise gewähren.

Die Bedürfnisse der urbanen Gesellschaft

"Die gesellschaftlichen Bedürfnisse haben eine anthropologische Grundlage; dazu gehören, ob entgegengesetzt oder sich ergänzend, das Bedürfnis nach Sicherheit und jenes nach Offenheit, das Bedürfnis nach Gewissheit und das Bedürfnis nach Abenteuer, jenes nach Arbeitsplanung und jenes nach Spiel, das Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit und nach dem Unvorhergesehenen, nach Einheit und nach Differenz, nach Abschottung und nach Begegnung, nach Handel und nach Investitionen, nach Unabhängigkeit (ja sogar Einsamkeit) und nach Kommunikation, nach Unmittelbarkeit und nach langfristigen Perspektiven. Das menschliche Wesen hat auch das Bedürfnis, Energien zu sammeln, und das, sie wieder zu verausgaben und sogar im Spiel zu verschwenden. Es muss sehen, hören, berühren, schmecken und hat das Bedürfnis, diese Wahrnehmungen in einer »Welt« zu vereinen. Zu diesen gesellschaftlich (d. h. manchmal getrennt, manchmal vereint, hier komprimiert und dort übergroß) aufbereiteten anthropologischen Bedürfnissen gesellen sich besondere Bedürfnisse, die von den mehr oder weniger kärglichen kommerziellen und kulturellen Einrichtungen, die die Urbanisten in Betracht ziehen, nicht befriedigt werden. Es geht um das Bedürfnis nach schöpferischer Tätigkeit, nach dem Werk (nicht nur nach konsumierbaren materiellen Erzeugnissen und Gütern), um das Bedürfnis nach Information, nach Symbolismus, nach Phantasie, nach spielerischer Tätigkeit. In diesen einzeln aufgeführten Bedürfnissen lebt und überlebt ein Grundbegehren, wovon das Spiel, die Sexualität, körperliche Betätigungen wie Sport, die schöpferische Tätigkeit, die Kunst und das Wissen besondere Bekundungen und Augenblicke sind, die die vereinzelte Arbeitsteilung mehr oder weniger überwinden. Kurz, das Bedürfnis nach der Stadt und dem städtischen Leben kann sich frei nur in den Perspektiven ausdrücken, die sich hier abzuzeichnen und den Horizont zu erweitern versuchen. Sind die besonderen städtischen Bedürfnisse etwa nicht Bedürfnisse nach geeigneten Orten, Orten der Gleichzeitigkeit und Begegnung, Orten, an denen der Tausch nicht über den Tauschwert, den Handel und den Profit erfolgt? Wäre es nicht auch das Bedürfnis nach einer Zeit für diese Begegnungen, diesen Austausch? Eine analytische Wissenschaft der Stadt – die nötig ist –, besteht heute nur in Umrissen. Begriffe und Theorien können zu Beginn ihrer Erarbeitung nur mit der im Entstehen begriffenen städtischen Wirklichkeit, mit der (gesellschaftlichen) Praxis der urbanen Gesellschaft weiterkommen. Die Überwindung von Ideologien und Praktiken, die den Horizont beschränkten, die nur Engpässe des Wissens und Handels waren, die eine zu überwindende Schwelle markierten, findet zurzeit nur mühsam statt." (Lefebvre 2016: 148f.)

Die experimentelle Utopie

"Die Utopie muss experimentell betrachtet werden, indem ihre Auswirkungen und Folgen vor Ort untersucht werden. Sie können überraschen. Was sind die gesellschaftlich gelungenen Orte, was werden sie sein? Wie sie aufspüren? Nach welchen Kriterien? Welche Zeiten, welche Rhythmen des Alltagslebens werden in diesen »gelungenen«, das heißt das Glück begünstigenden Räumen eingeschrieben, geschrieben, vorgeschrieben? Das ist von Interesse." (Lefebvre 2016: 155)

Urbanismus

"Die Theorie, die legitimerweise Urbanismus genannt werden könnte, die an die Bedeutungen der alten Praxis namens Wohnen (also dem Menschlichen) anknüpfen würde, die diesen Teilwirklichkeiten eine allgemeine Theorie der städtischen Zeiten/Räume hinzufügen würde, die eine neue Praxis anzeigen würde, die sich aus dieser Erarbeitung ableiten ließe, einen solchen Urbanismus gibt es virtuell. Er ist nur vorstellbar als praktische Auswirkung einer vollständigen Theorie der Stadt und des Urbanen, die gegenwärtige Spaltungen und Trennungen überwindet." (Lefebvre 2016: 157)

Urbane Strategie und Mobilisierung

"Dass die Stadt werde, was sie war: Tat und Werk eines komplexen Denkens, wer wünschte das nicht? Doch verharrt man so auf der Ebene der Wünsche und Sehnsüchte und bestimmt keine urbane Strategie. Diese muss zwangsläufig den bestehenden Strategien einerseits und den erworbenen Kenntnissen andererseits Rechnung tragen: Wissenschaft der Stadt, Wissen, das in Richtung Planung des Wachstums und Beherrschung der Entwicklung geht. Wer »Strategie« sagt, sagt Hierarchie aus »Variablen«, die zu berücksichtigen sind und zum Teil eine strategische Fähigkeit besitzen, während andere auf taktischer Ebene bleiben – sagt auch Kraft, die geeignet wäre, diese Strategie vor Ort zu verwirklichen. Nur gesellschaftliche Gruppen, Klassen oder Klassenteile, die zur revolutionären Initiative fähig sind, können sich der Lösung der städtischen Probleme annehmen und sie zur vollen Ausführung bringen; die erneuerte Stadt wird das Werk dieser gesellschaftlichen und politischen Kräfte werden. Zuerst geht es darum, die in der gegenwärtigen Gesellschaft herrschenden Strategien und Ideologien auseinanderzunehmen. Dass es mehrere Gruppen und mehrere Strategien mit Unterschieden (zwischen dem Staatlichen und dem Privaten beispielsweise) sind, ändert nichts an der Lage. Von Fragen des Grundeigentums bis zu Problemen der Segregation stellt jedes Projekt von Stadtreform die Strukturen infrage, jene der bestehenden Gesellschaft, jene der unmittelbaren (individuellen) und täglichen Beziehungen, aber auch jene, die man dem, was von der städtischen Wirklichkeit bleibt, über den Weg des Zwangs und der Institutionen vorschreiben will. An sich reformistisch, wird die Strategie der Sanierung der Stadt »zwangsläufig« revolutionär, nicht durch die Kraft der Dinge, sondern gegen die etablierten Dinge. Die auf die Wissenschaft von der Stadt gestützte urbane Strategie braucht eine gesellschaftliche Trägerschaft und politische Kräfte, damit sie wirksam werden kann. Sie wirkt nicht von selbst." (Lefebvre 2016: 158f.)

Konkrete Handlungsoptionen

"Das bedeutet, dass es zwei Reihen von Vorschlägen auszuarbeiten gilt. a) Ein politisches Programm der Stadtreform, einer Reform, die nicht durch die Rahmen und Möglichkeiten der gegenwärtigen Gesellschaft definiert, nicht einem »Realismus« unterworfen, wenn auch auf eine Studie der Realitäten gestützt ist (mit anderen Worten: Die so verstandene Reform beschränkt sich nicht auf den Reformismus). (...) b) Ausgeklügelte urbanistische Projekte, die »Modelle«, urbane Raum- und Zeitformen umfassen, ohne sich darum zu kümmern, ob sie gegenwärtig verwirklichbar sind oder nicht, realitätsfern sind oder nicht (das heißt hellsichtig »utopisch«). Diese Modelle scheinen entweder aus einer einfachen Untersuchung der Städte und der bestehenden Stadttypen oder aus einer einfachen Kombinatorik von Elementen nicht hervorgehen zu können. Vorbehaltlich gegenteiliger Erfahrungen werden die Zeit- und Raumformen in der Praxis erfunden und vorgeschlagen werden. Möge sich die Phantasie entfalten, nicht eine Phantasiewelt, die Flucht und Eskapismus erlaubt, die Ideologien transportiert, sondern eine Phantasiewelt, die sich für die Aneignung (von Zeit, von Raum, von physiologischem Leben, von Begehren) einsetzt. Warum nicht der ewi- gen Stadt vergängliche Städte und den stabilen Zentren bewegliche Zentralitäten gegenüberstellen? Alle Wagnisse sind erlaubt. Warum diese Vorschläge allein auf die Morphologie von Raum und Zeit beschränken? Es ist nicht ausgeschlossen, dass Vorschläge den Lebensstil, die Lebensweise in der Stadt, die Entwicklung des Urbanen auf dieser Ebene betreffen." (Lefebvre 2016: 160f.)

Aktuelle Recht auf Stadt-Bezüge

Unterschiedlichste soziale Bewegungen, aktivistische Gruppen und Initiativen vernetzen sich heute unter dem Slogan Recht auf Stadt. Gerade in gentrifierungskritischen Diskursen oder als Slogan bei stadtrelevanten Demonstrationen, um z.B. Planungs-/Wohnungs-[1] oder Bleiberechtsfragen[2], findet Lefebvres Ausspruch Verwendung. In Hamburg, der Hochburg der Recht auf Stadt-Bewegung (kurz RaS), wurde als Reaktion auf die Proteste um den Abriss der Esso-Häuser die Planbude geboren; die partizipative Stadtplanung von unten betreibt. "Eingebettet in die Diskussionen um das Recht auf Stadt entstand nach der Evakuierung der Häuser im Dezember 2013 die Notwendigkeit, eine unabhängige Plattform zu entwickeln, die die Neuplanung der Häuser in die Hände nimmt. Anders als in vielen Beteiligungsverfahren, hat die Planbude sich ihre Unabhängigkeit vertraglich zusichern lassen."[3] Im Rahmen des Seminars Medienpraxis Internet im SoSe 2016 fand die ExpertInnensitzung zum Thema Stadt als umkämpfter Ort statt. Auf jener Seite kann sich noch weitergehend informiert werden. Unten auf dieser Seite, in den Vertiefungsempfehlungen, sind Verlinkungen zu einzelnen Initiativen bzw. den Netzwerken der einzelnen Städte, in denen es eine Recht auf Stadt-Bewegung gibt, aufrufbar.

Gefahr der Trivialisierung des Slogans

Der Ausspruch Recht auf Stadt läuft Gefahr, trivialisiert zu werden. Häufig wird nicht erklärt, was genau von dem Recht auf Stadt erwartet wird, bzw. es ist nicht klar, was es genau bedeutet. Somit benutzen viele Menschen die Parole, ohne zu wissen was dahinter steckt oder um sich unter ihrem Deckmantel zu verstecken.[4]

Empfohlene weiterführende Links zur Vertiefung

Es existiert bereits ein Wiki, dass sich ausschließlich dem Thema Recht auf Stadt widmet und relevante, aktuelle Informationen zur Verfügung stellt: Recht auf Stadt-Wiki

Initiativen, Netzwerke

Recht auf Stadt Hamburg

Right to the City Alliance

Recht auf Stadt Potsdam

Recht auf Stadt Freiburg

Recht auf Stadt Köln

Recht auf Stadt Österreich

Recht auf Stadt Ruhr

Recht auf Stadt München

Recht auf Stadt Schweiz

Recht auf Stadt - never mind the papers

Facebook-Auftritt: Recht auf Stadt Hamburg

Wissenschaftliche Publikationen

David Harvey: The Right to the City. New Left Review 53/2008, S. 23-40

Prof. Dr. Klaus Selle: Öffentliche Räume – eine Einführung. Begriff, Bedeutung und Wandel der öffentlich nutzbaren Räume in den Städten. Homepage RWTH Aachen, Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtentwicklung, Fakultät für Architektur, 2008

Joscha Metzger: Der Weg ist das Ziel. Zum Recht auf Stadt durch Selbstverwaltung und radikale Demokratie. Sub\urban 2014, Band 2, Heft 2, S.155-159

Filme

Andrej Holm im Gespräch (Teil 3): Recht auf Stadt (2013, 11 min): Interview mit dem deutschen Sozialwissenschaftler

Buy, Buy St.Pauli (2014, 86 min): Über die Kämpfe um die Esso-Häuser

The very heart of Istanbul (2010, 32 min): Der Film von Marius Ertelt und Nuray Demir thematisiert aktuelle Prozesse der Stadtentwicklung in Istanbul am Beispiel des vom Abriss bedrohten innerstädtischen Qartiers Tarlabaşı.

Wem gehört die Stadt - Bürger in Bewegung (2015, 88 min): Über den Bau eines Einkaufszentrums in Köln-Ehrenfeld

Literatur

Harvey, David (2011): Rebellische Städte - vom Recht auf Stadt zur urbanen Revolution. Berlin 2013. | Rebel Cities - From the right to the city to the urban revolution. London 2012.

Lefebvre, Henri (1968): Le droit à la ville Paris 1968. | deutsche Erstausgabe: Das Recht auf Stadt. Hamburg 2016.

Einzelnachweise

  1. Beyond Welcome: Eine andere Planung ist möglich Parade am 28.05.2016, aufgerufen am 18. Juli 2016
  2. Never Mind The Papers Demonstration am 14.11.2015, aufgerufen am 18. Juli 2016
  3. Planbude, aufgerufen am 18. Juli 2016
  4. Joscha Metzger: Der Weg ist das Ziel. Zum Recht auf Stadt durch Selbstverwaltung und radikale Demokratie. Rezension zu Daniel Mullis Recht auf die Stadt. Von Selbstverwaltung und radikaler Demokratie. Sub\urban 2014, Band 2, Heft 2, S.155-159, aufgerufen am 18. Juli 2016