Planbude

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Gegründet wurde die Planbude 2014 in der Hochphase des Konfliktes von Aktivist*innen mit verschiedensten beruflichen und soziokulturellen Hintergründen, die jedoch eines einte: der Wunsch aktiv an der Neugestaltung des Areals der Esso-Häuser mitzuwirken und dabei möglichst viel Mitspracherecht für die im Stadtteil lebenden Menschen zu erwirken um eine Lösung zu finden, mit der sowohl die Bayrische Hausbau als auch die Bewohner*innen des Stadtteils St. Pauli zufrieden sind.

PlanBude


St. Pauli

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts war St. Pauli ein dicht besiedelter Stadtteil, der durch die diverse Mischung von Wohnraum und Gewerbe gerade um die Reeperbahn und den Spielbudenplatz herum als besonderer Ort innerhalb Hamburgs wahrgenommen wurde. St. Pauli ist historisch gesehen aber auch schon immer im Wandel gewesen: Neben dem immer noch präsenten und geschichtlich verwurzelten Rotlichtmillieu, haben sich im Laufe der Jahre nicht nur Bars und Nachtclubs, sondern auch Theater und Treffpunkte zum kulturellen Austausch gebildet.

Während St. Pauli Mitte des 19. Jahrhunderts politisch gezielt für die Unterbringung „unterer Sozialschichten“ genutzt wurde, ist es auch Anfang der 1970er Jahre immer noch von Armut und sanierungsbedürftiger Bausubstanz geprägt. Heute hat sich der Stadtteil zu einem „Szeneviertel“ entwickelt, in welchem die Armut zwar immer noch präsent ist, der Prozess der Gentrifizierung jedoch ebenso begonnen und bereits Spuren hinterlassen hat.

Partizipative Stadtplanung

Wenn man Den Menschen als einen Menschen der Gesellschaft betrachtet, so ist die Partizipation grundsätzlich und in vielerlei Beziehungen bemerkbar. Gesellschaftliche, oder im Speziellen stadtpolitische, Prozesse werden durch die Präsenz des Willens nach Partizipation immer vom Menschen mitbestimmt, geformt und erweitert. Der Begriff / Die Bewegung Recht auf Stadt taucht in diesen Fällen häufig auf und ist aus dem stadtpolitischen Raum der Akteur*innen innerhalb stadtpolitischer Prozesse und Konflike nicht mehr wegzudenken. Eine klare Definition zu dieser Bewegung lässt sich nicht finden, die Interpretationsmöglichkeiten dieses Begriffes sind diverse. Fordern die Bürger*innen Hamburgs nach dem Abriss der Esso-Häuser jedoch, über die weitere Bebauung des Grundstückes und somit auch die Veränderung ihres Stadtteiles mitbestimmen zu dürfen, so fordern sie auch eines: Das Recht auf Stadt. Weltweit formieren sich soziale Protestbewegungen unter dem Motto „Recht auf Stadt“. Sie kämpfen unter anderem für bezahlbaren Wohnraum, städtische Umstrukturierung und gegen Großprojekte, die von "oben" in den Raum der Stadt geplant werden. In Hamburg ist die Recht-auf-Stadt-Bewegung eine mit vielen Organisationen vernetzte und aktive Bewegung. Auch die Initiative ESSO Häuser und „St. Pauli selber machen“, die sich für den Erhalt der Esso-Häuser einsetzten und aus Anwohner*innen und Gewerbetreibenden auf St. Pauli besteht, ist mit der Recht-auf-Stadt Bewegung vernetzt. Bei den genannten Institutionen überschneidet sich hier nicht nur die inhaltliche Zielsetzung, auch die Mitglieder der einzelnen Initiativen sehen sich untereinander vernetzt – sie arbeiten an ähnlichen Projekten auf ähnliche Art und Weise. Das Projekt „St. Pauli selber machen“ ist eine Kooperation aus der GWA St. Pauli, Mieter helfen Mietern e.V., der Hochschule für Bildende Künste (HfBK), der Hafencity Universität und der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW). (GWA 2015) Es ergibt sich in St. Pauli also ein beachtliches Netz aus Initiativen und Bewegungen, die gemeinsam für den Stadtteil kämpfen. Anwohner*innen und Interessierte werden aktiv über stadtteilpolitische Themen informiert, dazu angehalten bei der Partizipation zu unterstützen und bekommen einen Raum geboten, der für persönliches, zielgerichtetes Engagement im Stadtteil genutzt werden kann.

Im Falle des Konfliktes um die Neubebauung des Areals am Spielbudenplatz setzte sich im Speziellen die PlanBude dafür ein, eine partizipative Lösung für den Konflikt zu finden. Dass Partizipation im Kontext von städtischen Konflikten auch stets als eine Art politischer Beteiligung gesehen werden muss, ist gerade im Fall des Konfliktes um den Abriss der Esso-Häuser unumgänglich: Die Themen Wohnraummangel und Gentrifizierung sind solche, die die Politik in ganz Hamburg schon seit Jahren beschäftigt.Den Akteur*innen innerhalb der PlanBude geht es darum, eine Mittler*innenposition zwischen Stadt, Investor*in und Anwohner*innen darzustellen. Ziel ist es, eine für alle Konfliktpartner*innen akzeptable Lösung zu finden und somit eine bessere Kommunikation zwischen den Akteur*innen zu generieren. Die PlanBude legte zudem innerhalb des Prozesses, in welchem sie Vorschläge für die Neubebauung des Esso-Häuser-Areals sammelte, einen Fokus auf das nachbar*innenschaftliche Netzwerk und somit auf die Stärkung des sozialen Kapitals. Die PlanBude stellt somit einen Ort dar, an dem Bürger*innen aktiv an der Stadtplanung partizipieren können. Die PlanBude aktiviert zur Beteiligung, ist gleichzeitig jedoch Mittler*in innerhalb des städtebaulichen Konfliktes, der durch den Abriss der Esso-Häuser in Gang gesetzt wurde. Eine Kanalisierung des Protestes gegen die Investor*in konnte somit erreicht werden und hat schlussendlich dazu geführt, dass die Bürger*innen eine tatsächliche Möglichkeit auf Mitbestimmung haben und die zuvor verhärteten Konfliktseiten eine*n Mittler*in gefunden haben, die in den Anfängen des Konfliktes noch nicht vorhanden war und somit auch keiner Wertung unterliegt.

Die Arbeit der PlanBude

Im Juli 2014 wurde die Planbude mit der Aufgabe, aktiv am Planungsprozess teilzunehmen, beauftragt. Drei Monate später – im September – wurde sie offiziell am Standort der ehemaligen Esso-Häuser eröffnet und begann mit der Arbeit im Stadtteil. Das Team der PlanBude war täglich vor Ort, um als Ansprechpartner*in für ehemalige Mieter*innen der Esso-Häuser, Bewohner*innen des Stadtteils oder am Konflikt interessierte Personen verfügbar zu sein. So wurden Fragen zum Planungsprozess und zum Stadtteilpolitischen Konflikt beantwortet, das Hauptaugenmerk lag jedoch auf dem Sammeln von Ideen, auf deren Grundlage eine Ausarbeitung für den geplanten Neubau erstellt werden sollte. Um Kontakt zu den Bewohner*innen des Stadtteils aufzunehmen, wurden verschiedene Methoden angewandt: Workshops, themenspezifische Stadtteilführungen, persönliche Befragungen an der Haustür, Gestaltungsmöglichkeiten von Ideen und Konzepten in der Planbude und Vorträge. Ziel dieser Ideensammlung, bei der über 2000 Beiträge zusammengetragen wurden, war es, den von der Planbude generierten Begriff des „St. Pauli Code“zu entschlüsseln. Dieser ist als eine Möglichkeit zu verstehen, „St. Pauli zu ‚decodieren‘, zu analysieren, das Spezielle sichtbar zu machen, einen Blick auf das zu werfen, was den Stadtteil ausmacht, was fortgesetzt werden sollte – und was ihn zerstört.“ (PlanBude o.A. 2014: 1). Die Generierung des St. Pauli Codes innerhalb des Konfliktlösungsprozesses war ein für die PlanBude wichtiger und unumgänglicher Schritt, wenn nach Bourdieu davon ausgegangen werden kann, dass „[…] es […] der Habitus [ist], der das Habitat macht.“ (Bourdieu 1991: 32). Dadurch, dass Menschen ihren Lebensmittelpunkt an einem bestimmten Ort lokalisieren und dort Raum einnehmen, der (teilweise) eine Art von Besitz darstellt, unterscheiden sie sich von anderen Menschen. Der Wohnort – die Esso-Häuser – und der Stadtteil – St. Pauli – fungieren in diesem Fall als ein Distinktionsmerkmal.

Schließlich konnten aus allen Beiträgen sieben Thesen herausgearbeitet werden, die für die Wünsche der Bewohner*innen des Stadtteils stehen, und am 18. Mai 2015 der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Bezahlbarer Wohnraum, Kleinteiligkeit und der Erhalt von Subkultur am Standort, sowie architektonische Vielfalt und den Vorrang für eigentümergeführtes Gewerbe sind Ergebnisse der Auswertung des „St. Pauli Codes“. Nach weiteren Verhandlungen mit dem Bezirk Mitte und dem Eigentümer der Bayerischen Hausbau konnten im Mai die gemeinsam zusammengetragenen Voraussetzungen für den architektonischen Wettbewerb präsentiert werden. Dort wurde erkenntlich, dass ein großer Teil der von der PlanBude erarbeiteten Konzepte in die Ausschreibung mit eingeflossen sind.

Auch nachdem die PlanBude nun nicht mehr täglich geöffnet ist setzt sich die Arbeit der Mitglieder*innen bis zur tatsächlichen Bebauung fort.

Die Kommunikationsguerilla in Bezug auf die Protestweisen der Akteur*innen im Konflikt um die Esso-Häuser

Um die Aktionen der Kommunikationsguerilla zu den Protestweisen der Gegner*innen des Abrisses der Esso-Häuser verstehen zu können, soll zunächst ein kleiner Einstieg in die der Kommunikationsguerilla zugrundelegenden Annahmen gegeben werden: Die kulturelle Grammatik ist die Gesamtheit der machtorientierten Kommunikationsregen, die gesellschaftliche Strukturen hervorbringen und deren Abläufe regeln. Somit strukturiert die kulturelle Grammatik gesellschaftliche Beziehungen und Interaktionen und gibt dabei vor, welches Verhalten von bestimmten Akteur*innen erwartet wird. Vielfache Macht- und Herrschaftsverhältnisse werden so von der Gesellschaft einfach akzeptiert und nur in seltenen Fällen hinterfragt. Aufgrund dieser Gegebenheit werden Verhaltensweisen der Kommunikation Ausdruck gesellschaftlicher Macht im gesellschaftlichen Raum (= sozialer-, kultureller-, öffentlicher- und nicht-öffentlicher Raum), sie strukturieren das Zusammenleben in (fast) allen Situationen und rücken in dieser Natürlichkeit aus dem Bewusstsein des einzelnen.

Bei den Aktionen, Interventionen und Appellen der Kommunikationsguerilla wird die kulturelle Grammatik bewusst verschoben und zugunsten der Intention instrumentalisiert. Taktische Umnutzungen von allerlei Dingen und nicht dinglichen Objekten zeigen dabei ohne viel Aufwand die bestehenden Machtverhältnisse auf und regen dazu an, sich aktiver an Prozessen zu beteiligen. Ihre Akteur*innen bedienen sich dazu Multipler Namen, imaginärer Personen oder kollektiver Mythen, stehen aber immer in direktem Kontakt / in direkter Kommunikation zum Individuum.

Doch nicht nur im sozialen, auch im "cyber-space" werden Methoden der Kommunikationsguerilla genutzt. So gibt es inzwischen einen eigenen Zweig des PR, der sich mit Guerilla-Marketing auseinandersetzt. Die Weiten des Internets lassen hier allerdings die Grenzen der persönlichen Kommunikation unter den Beteiligten verschwimmen, die Einfachheit der Veranschaulichung und Verbreitung von Thesen und Interessenanstößen bleiben aber bestehen.

Verbindung zu den Aktionen der Abriss-Gegner*innen

Ähnlich wie die Kommunikationsguerilla haben auch die an den Protesten beteiligten Aktivist*innen der Esso-Häuser bestehende Machtstrukturen aufgezeigt. Durch Tanz, Gesang und natürlich das Arbeiten der PlanBude wurden bestehende Strukturen der Stadtpolitik aufgezeigt und kritisierbar gemacht. Mit einfachen Mitteln (vgl. z.B.: Klobürstenproteste) wurden breite Massen auf bestehende Missstände in und um St. Pauli aufgezeigt. Die gewählten Protestformen waren dabei niemals platt sondern stets so konzipiert, dass im Individuum ein Interesse für das Geschehen entstand.

Einzelnachweise

BOURDIEU, Pierre (1991): Physischer, sozialer und angeeigneter Raum. In: Wentz, Martin (Hg.): Stadt-Räume. Frankfurt am Main.

GWA (2015): Stadtteilinitiativen., unter: http://www.gwa-stpauli.de/stadtteilarbeit/stadtteilinitiativen.html

HANDBUCH DER KOMMUNIKATIONSGUERILLA: Autonome A.f.r.i.k.a.-Gruppe; Blisset, Luther, Brünzels,Sonja (2001):Handbuch der Kommunikationsguerilla. 4. Aufl. Berlin u.a. : Assoziation A. Daraus: „Kulturelle Grammatik & Subversion“, S. 14-43

PLANBUDE o.A. 2014: PlanBude – Presseerklärung Nummer 1., unter: http://planbude.de/ presserklaerung/