Hegemoniale Männlichkeiten

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Das Konzept der Hegemonialen Männlichkeit wurde in der Mitte der 1980er Jahre von den SoziologInnen Tim Carrigan, Raewyn Connell und John Lee in ihrem Aufsatz Kritische Männerforschung. Neue Ansätze in der Geschlechtertheorie (1996) entworfen. Es hat seinen Ursprung in den Erkenntnissen der feministischen Frauenforschung und ist durch eine große Anzahl von Veröffentlichungen des gay liberation movement beeinflusst. In dem Buch Masculinities von Reawyn Connell, erschienen im Jahr 1999, wird der Begriff von ihr nachfolgend weiter entwickelt und definiert.

Raewyn Connell

Raewyn Connell ist seit 1996 Professorin für Pädagogik an der Universität von Sydney. Sie ist Pädagogin und Soziologin und gilt als eine der wichtigsten WissenschaftlerInnen, die sich mit dem Thema Männlichkeit beschäftigen und als Mitbegründerin der Männlichkeitsforschung. „Raewyn Connell […] initially conceptualized hegemonic masculinity as the form of masculinity in a given historical and society-wide setting that structures and legitimates hierarchical gender relations between men and women, between masculinity and femininity, and among men.“[1]

Raewyn Connell[2]

Hegemonie

Als Hegemonie (der Begriff stammt aus dem altgriechischen „hēgemonía“ = Heerführung, Führer, Anführer) wird die Vorherrschaft einer Institution, eine/r AkteurIn oder Staates verstanden, die sich dadurch kennzeichnet, dass andere AkteurInnen nur beschränkte Möglichkeiten haben, die eigenen Ziele und Vorstellungen durchzusetzen. Es gibt sowohl wirtschaftliche, militärische, politische oder kulturelle Hegemonien. Der italienische Theoretiker Antonio Gramsci hat die Theorie der kulturellen Hegemonie geprägt und versteht diesen als „das - als kulturelles Verhältnis zu begreifende - spezifische Herschaftsverhätnis der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft“.[3] Dabei ist es wichtig zu beachten, dass dies ein Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse ist, der nicht von gesetzlicher Seite gestützt wird. Die Macht des Hegemons reicht aus um die Vorherrschaft aufrecht zu erhalten.


Zu Beginn von Connells Konzept der hegemonialen Männlichkeiten steht eine These im Fokus, die bezweifelt, dass Männlichkeit als eine einzelne, homogene Kategorie definiert werden kann. Sie führt an, dass es viele verschiedene, aus unterschiedlichen Gründen entstandenen und sich ständig verändernde Männlichkeiten gibt. Das Modell der hegemonialen Männlichkeiten nach Raewyn Connell basiert auf der Idee, dass in der Gesellschaft ein Hierarchiesystem, also eine Rangordnung besteht, welche auf der Vorherrschaft einer dominanten, idealisierten Männlichkeit über untergeordnete Geschlechteridentitäten und „schwächere“ Männlichkeiten beruht. „Hegemoniale Männlichkeit kann man als jene Konfiguration geschlechtsbezogener Praxis definieren, […] welche die Dominanz der Männer* und die Unterordnung von Frauen gewährleistet.“[4] Besonders die Differenzierung verschiedener Männlichkeiten, die in einem dynamischen Gefüge die Rangordnung stets aufs Neue aushandelnd und reproduzierend, zeigt, dass Männlichkeit ausschließlich in Relation zu anderen Geschlechteridentitäten und/ oder untergeordneten Männlichkeiten zu verstehen ist.[5] Connell bezieht sich bei der Zuordnung des Begriffes Hegemonie auf Antonio Gramsci. Er nutzt das Konzept zur Analyse von Klassenbeziehungen, dabei bezieht er sich auf Dynamiken, die in der Gesellschaft auftreten. So wird als Beispiel die Praxis der herrschenden Klasse, Führungspositionen einzunehmen und langfristig zu besetzen, angeführt.[6] Wie bei Antonio Gramsci ist Hegemonie in Connells Kontext als die Macht zu verstehen, die eine dominante Gruppe ausübt, um über ein soziales System zu herrschen, ohne dieses auf direkte Weise zu unterdrücken oder mit Gewalt zu dominieren. Dieses Hegemonie-Verständis geht davon aus, dass moderne Herrschaftsformen immer auf die Legitimation durch die Beherrschten angewiesen ist und dadurch zu einem großen Teil auf Massenloyalität beruht.[7] Eine Männlichkeit ist dann hegemonial, wenn sie die Vorzüge und Macht des Patriarchats für sich nutzen kann. Die Vorherrschaft der dominanten, hegemonialen Männlichkeit wird also nicht von Einzelnen produziert, sondern durch kollektive Vorstellungen verfestigt. Es sind also Kollektive, die das Konstrukt stärken. Die hegemoniale Männlichkeit ist dabei keine klar definierbare Gruppe, nicht jeder Mächtige erfüllt alle Ansprüche der hegemonialen Männlichkeit. „This is not to say that the most visible bearest of hegemonic masculinity are always the most powerful people“.[8] Sie hängt von vielen soziokulturellen Faktoren ab, verändert sich somit im Laufe der Zeit ständig und kann an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich sein. Die hegemoniale Männlichkeit ist dabei immer flexibel: verändern sich die sozialen Bedingungen, werden die vorherrschenden Mechanismen der Erhaltung der Macht neu konfiguriert und es findet eine Anpassung statt. Dabei ist sie stark mit Heteronormativität und gesellschaftlicher und ökonomischer Macht verknüpft.

Komplizenschaft

Die wenigsten Männer erfüllen in Gänze die Ansprüche dieser vorherrschenden Männlichkeit. Dennoch profitiert die Mehrheit der Männer von der Vorherrschaft des Patriarchats, wodurch sie zu Komplizen werden und das System der hegemonialen Männlichkeit von unten heraus stärken, ohne Teil der vorherrschenden Männlichkeit zu werden. „Yet the majority of men gain from its hegemony, since they benefit from the patriarchal dividend, the advantage men in general gain from the overall subordination of women“.[9] Connell bezeichnet dies als „patriarchale Dividende“[10]: Männer ziehen einen allgemeinen Vorteil aus der Unterdrückung von Frauen und anderen untergeordneten Männlichkeiten. Dabei geht es nicht nur um materielle Werte, sondern auch um immaterielle Werte wie Ansehen, Befehlsgewalt oder Prestige. Es kommt durch die Komplizenschaft aber nur zu einer partiellen Dominanz der Männlichkeit, da zum Beispiel im Umgang mit Frauen im alltäglichen Leben Kompromisse geschlossen werden. Diese Kompromisslösungen veranschaulichen, wie die hegemoniale Männlichkeit flexibel an den jeweiligen Kontext angepasst werden kann.

Marginalisierung

Des Weiteren gibt es Männlichkeiten, die nur in bestimmten Bereichen ihrer männlichen Identitäten dem idealisierten Männlichkeitsbild gerecht werden. Unter dem Typus marginalisierte Männlichkeit sind solche Männlichkeiten zu verstehen, die mit stark mit der Kategorie race verbunden sind. Diese können dadurch nur eingeschränkt auf die Machtmechanismen des Patriarchats zugreifen und davon profitieren. Connell beschreibt die symbolische Wichtigkeit von Schwarzen für die Konstruktion weißer Geschlechtsidentitäten. Beispielsweise passiert dies im Falle von schwarzen Sportlern, die auf Grund ihrer Hautfarbe rassistisch marginalisiert werden, doch auf sportlicher Ebene Ansehen genießen. Oder auch die Darstellung von Schwarzen in den Medien als vermeintliche Vergewaltiger, was dazu beiträgt, den Weißen eine „ehrenhafte weiße Männlichkeit“ zu bescheinigen. Dies führt dazu, dass die weiße hegemoniale Männlichkeit durch psychische und institutionelle Unterdrückung gestärkt wird und im selben Prozess ein Rahmen für die Konstruktion einer schwarzen männlichen Identität geschaffen wird. Auch maginalisierte Männlichkeiten stützen das System der hegemonialen Männlichkeit, weil sie zumindest in kleinen Teilen von der Macht des Patriarchats profitieren.

Unterordnung

Ein weiterer Typ wird von Connell definiert als „untergeordnete Männlichkeit“. Diejenigen, die von der Vormachtstellung des Patriarchats profitieren, kämpfen konstant um dessen Machterhalt. Um das System zu stärken, werden alle von anderen Männlichkeiten oder Geschlechteridentitäten ausgehenden Gefahren unterdrückt. In diesem Prozess entstehen untergeordnete Männlichkeiten, die im System den Weiblichkeiten sehr nahe kommen und in Folge dessen in der Hierarchie nach unten rutschen. Bezeichnend ist hier die Unterordnung und Stigmatisierung von Homosexuellen. Belegt wird dies mit gesellschaftlichen Praktiken: „Sie umfassen politischen und kulturellen Missbrauch […], staatliche Gewalt […], Gewalt auf den Straßen […], wirtschaftliche Diskriminierung und Boykottierung als Person“.[11]. Männlichkeiten werden hier auf verschiedene Arten unterdrückt: Es kommt beispielsweise zu einer „Verweiblichung“ der Sprache; Homosexuelle Männer werden als „Tunten“ oder „Schwuchteln“ bezeichnet und bilden nach Connell die am auffälligsten unterdrückte Männlichkeit. Unterdrückte Männlichkeiten sind jedoch genauso wenig definierbar wie hegemoniale.

Einzelnachweise

  1. MESSERSCHMIDT, JAMES W. (2012): Engendering Gendered Knowledge: Assessing the Academic Appropriation of Hegemonic Masculinity., Seite 58
  2. 'http://www.louisemcooper.com/tag/raewyn-connell/ letzter Aufruf: 05.11.2017
  3. WÜRZBERG, GERD (1978): Kultur und Politik. Der Beitrag Antonio Gramscis zur theoretischen Grundlegung der politisch-kulturellen Transformation Italiens. 1. Auflage: Frankfurt am Main: Rita G. Fischer Verlag, Seite 29
  4. CONNELL, RAEWYN (1999): Der gemachte Mann. Opladen. ISBN-13 978-3531146270, Seite 98
  5. CONNELL, RAEWYN (1999): Der gemachte Mann. Opladen. ISBN 3531146270, Seite 38
  6. BISCHOFF, JOACHIM (1981): Einführung Gramsci. Hamburg: VSA-Verlag, S. 116 ff.
  7. GRAMSCI, ANTONIO (1991-2002): Gefängnishefte. Hg. Bochmann, Klaus/ Haug, Wolfgang Fritz. Hamburg. ISBN 3867541000, Seite 874
  8. CONNELL, RAEWYN (1999): Der gemachte Mann. Opladen. ISBN 3531146270, Seite 77
  9. CONNELL, RAEWYN (1999): Der gemachte Mann. Opladen. ISBN 3531146270, Seite 79
  10. CONNELL, ROBERT W. & STAHL CHRISTIAN (2006) (Übers.): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, ISBN 3531146270, Seite 100
  11. CONNELL, RAEWYN (1999): Der gemachte Mann. Opladen. ISBN 3531146270, Seite 99